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Bali ist die einzige mehrheitlich hinduistische Region Indonesiens, umgeben von Java, Lombok und den übrigen, überwiegend muslimischen Inseln des Landes. Nach dem Zensus 2020 bekennen sich rund 83,6 Prozent der Bevölkerung zum balinesischen Hinduismus, lokal Agama Hindu Dharma genannt. Reisende begegnen der Religion überall: in Tempelanlagen, in kleinen Opfergaben auf Gehwegen und in Zeremonien, die den Alltag vieler Balinesen strukturieren.
Dieser Beitrag erklärt, worauf der balinesische Hinduismus beruht, wie er sich vom indischen Hinduismus unterscheidet und worauf Sie bei einem Tempelbesuch achten sollten.
Religion auf Bali: Hinduismus als Grundlage des Alltags
Der Hinduismus gelangte im 8. und 9. Jahrhundert nach Bali und verband sich mit älteren animistischen Vorstellungen zu einer eigenständigen Religionsform. Anders als der indische Hinduismus, der sich stark auf Schriften und Lehrmeinungen stützt, zählt auf Bali vor allem die korrekte Ausübung von Ritualen – Fachleute sprechen von Orthopraxie statt Orthodoxie. Der balinesische Hinduismus ist damit kein direkter Ableger des indischen Hinduismus, sondern ein eigenständiges, lokal gewachsenes System.
Zentral ist der Glaube an Sang Hyang Widhi Wasa, ein höchstes, gestaltloses göttliches Prinzip, das sich unter anderem in der Trimurti zeigt, den drei Hauptgöttern Brahma, Vishnu und Shiva. Die Lebensphilosophie Tri Hita Karana beschreibt drei Beziehungen, die im Gleichgewicht bleiben sollen: zwischen Mensch und Göttern, zwischen Menschen untereinander und zwischen Mensch und Natur.
Im Alltag am sichtbarsten ist die Religion durch Canang Sari: kleine Opfergaben aus geflochtenen Palmblattschalen, die morgens und nachmittags vor Häusern, Läden und Tempeln abgelegt werden. Sie enthalten Betelblatt, Betelnuss, Kalk und Blüten, deren Farbe jeweils einem der Hauptgötter zugeordnet ist, dazu eine kleine Geldgabe. Meist bereiten Frauen des Haushalts sie zu.
- Wer versehentlich auf eine Canang Sari tritt, muss sich nicht entschuldigen: Sie liegt bewusst auf dem Boden und wird ohnehin weggefegt.
- Jede Dorfgemeinschaft unterhält traditionell drei Tempel: Pura Puseh (Ursprungstempel), Pura Desa (Gemeinschaftstempel) und Pura Dalem (Totentempel).
- Tempelfeste und -pflege organisiert meist die Banjar Adat, ein Nachbarschaftsverband nach eigenem Gewohnheitsrecht (Awig-Awig).
Religiöse Vielfalt und das Zusammenleben auf Bali
Andere Religionen auf der Insel
Neben der hinduistischen Mehrheit leben auf Bali muslimische, christliche und buddhistische Minderheiten, viele von ihnen Zuwanderer von anderen indonesischen Inseln. Anders als im übrigen, mehrheitlich muslimischen Indonesien prägt auf Bali der Hinduismus das öffentliche Leben – von Tempelfesten bis zu Feiertagen.
Tourismus und religiöse Praxis
Der Tourismus verändert religiöse Praxis seit Jahrzehnten. Ein Beispiel ist der Kecak-Tanz: Ursprünglich Teil des Sanghyang-Trancerituals, entwickelte ihn der deutsche Maler Walter Spies in den 1930er-Jahren gemeinsam mit dem balinesischen Tänzer Wayan Limbak zu einer Bühnenaufführung mit Chorgesang statt Gamelan-Musik und einer Handlung nach dem Ramayana. Solche Adaptionen sichern Kunstformen wirtschaftlich ab, verändern aber ihren ursprünglich rituellen Charakter. Echte Tempelzeremonien finden davon unabhängig statt.
Balinesischer Hinduismus im Vergleich zum indischen Hinduismus
Der wichtigste Unterschied liegt im Verhältnis von Lehre und Praxis: Der indische Hinduismus kennt vielfältige philosophische Schulen und eine lange schriftliche Tradition, während auf Bali die gemeinschaftlich organisierte, korrekte Ausführung von Ritualen im Vordergrund steht.
Praktische Hinweise für den Tempelbesuch
Für den Zutritt benötigen Sie einen Sarong und eine Schärpe um die Hüfte; Schultern und Knie sollten bedeckt sein. An größeren Tempeln lassen sich Sarongs meist leihen. Der Zutritt zum inneren Tempelbereich (Jeroan) ist nicht überall erlaubt – das hängt vom Tempel und laufenden Zeremonien ab.
Frauen dürfen Tempel während der Menstruation nicht betreten; die Regel gilt für Einheimische wie für Besucherinnen. An Zeremonien dürfen Touristen meist teilnehmen und fotografieren, sofern sie sich respektvoll verhalten – etwa, indem sie beim Sitzen die Fußsohlen nicht auf andere richten.
Bekannte Tempel für Besucher
- Pura Besakih am Mount Agung, Muttertempel aller balinesischen Hindus.
- Tanah Lot, Meerestempel auf einer Felsformation vor der Südwestküste.
- Pura Luhur Uluwatu, auf einer Steilklippe im Süden der Insel.
- Tirta Empul, bekannt für die Reinigungszeremonie Melukat an heiligen Quellen.
Nyepi – der Tag der Stille
Nyepi markiert das balinesische Neujahr im Saka-Kalender und beginnt am Neumond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche, meist im März; das genaue Datum wechselt jährlich. An diesem Tag darf niemand auf die Straße, der internationale Flughafen Ngurah Rai bleibt vollständig geschlossen, auch Fährverbindungen ruhen. Reisende bleiben für rund 24 Stunden innerhalb ihrer Hotelanlage und halten Licht und Lärm gering. Die Einhaltung kontrollieren örtliche Ordnungshüter, die Pecalang.
Häufige Fragen
Welche Kleidung sollte man beim Besuch balinesischer Tempel tragen?
Erforderlich sind ein Sarong und eine Schärpe um die Hüfte sowie ein Oberteil, das die Schultern bedeckt. Viele Tempel verleihen oder verkaufen Sarongs am Eingang.
Dürfen Touristen an hinduistischen Zeremonien auf Bali teilnehmen?
Ja, Besucher sind meist willkommen, wenn sie sich angemessen kleiden und respektvoll verhalten. Fotografieren ist meist erlaubt; der Zutritt zum inneren Tempelbereich hängt vom jeweiligen Tempel und der Zeremonie ab.
Was bedeuten die kleinen Opfergaben (Canang Sari), die man überall auf Bali sieht?
Canang Sari sind tägliche Dankesgaben an Sang Hyang Widhi Wasa aus Palmblatt, Blüten, Betelblatt und einer kleinen Geldgabe, meist morgens und nachmittags von Frauen des Haushalts niedergelegt.
Welche Tempel auf Bali sind für Besucher besonders empfehlenswert?
Zu den bekanntesten zählen Pura Besakih, Tanah Lot, Pura Luhur Uluwatu und Tirta Empul mit seinen heiligen Quellen.
Was ist Nyepi, und worauf müssen Reisende achten?
Nyepi ist das balinesische Neujahrsfest und zugleich ein Tag völliger Stille: kein Verkehr, keine Beleuchtung, geschlossener Flughafen. Reisende bleiben rund 24 Stunden auf dem Hotelgelände.